Stellungnahme der Kolonie am Flughafen e.V.

Die Kleingartenanlage „Kolonie am Flughafen e.V.“ zwischen Lilienthal-, Zülichauer-, Golßenerstr. und Columbiadamm ist aus dem Änderungsverfahren Flächennutzungsplan Tempelhofer Feld herauszunehmen. Das Columbiaquartier wird ebenfalls zur Disposition gestellt.

Begründung:

Das Columbiaquartier und das so genannte Lilienthalquartier wirken sich negativ auf das Stadtklima aus.

Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist unzureichend.

Das so genannte Lilienthalquartier ist für Wohnzwecke ungeeignet.

Es wird eine Kleingartenkolonie zerstört, die Lebensqualität von ca. 1000 Menschen wird negativ beeinflusst.

Der Individualverkehr ist durch die vorhandenen Straßen, insbesondere den Tempelhofer Damm, den Columbiadamm, die Lilienthalstraße und die Herrmannstraße nicht aufzunehmen.

Erläuterungen

Entgegen den Planungen im Rahmen der vorzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung ist jetzt nicht nur südlich des Columbiadammes, sondern auch nördlich eine Bebauung über die dort seit über 60 Jahren bestehende Kleingartenanlage vorgesehen.

Als Kolonie am Flughafen e.V. (Columbiadamm zwischen Golßener-, Zülichauer- und Lilienthalstraße), sind wir durch die beabsichtigte Änderung des FNP Flughafenfeld Tempelhof in unserer Existenz bedroht. Die Argumente, die dafür angeführt werden überzeugen uns in keinster Weise und rechtfertigen nicht den massiven Eingriff in die Lebensführung von 100 Pächtern mit ihren Familien, Kindern und Verwandten, wie Freunde, die diese Kolonie seit über 60 Jahren pflegen und bewahren. Betroffen sind eine Vielzahl mehr von Personen (nach unserer aktuellen Rückfrage bis zu 1000 Personen), als sie sich durch die abgeschlossenen Pachtverhältnisse allein erfassen lassen. Der Verlust an Lebensqualität, jahrzehntelangem ideellem und materiellem Einsatz und Investitionen, das Enga­gement von Generationen lassen sich in nüchternen Zahlen nicht erfassen.

Die Wohndichte wurde von W3 auf W2 erhöht. Die geplanten Baufelder liegen direkt in einer bestehenden Klimaschneise zwischen offenem Flugfeld und Friedhöfen, der Kleingartenanlage am Columbiadamm und der Hasenheide. Die Schneise wird durch eine topographische Senke gebildet, da dieser Bereich ca. 10-15m tiefer liegt. Durch eine Bebauung wird sich der Luftaustausch erheblich verringern und stadtklimatologisch für wichtig erachtete Wirkungs­mechanismen beeinträchtigt.

Nun wird gerade an der neuralgischen Stelle, an der die Kaltluft nach Norden abziehen kann, das Columbiaquartier geplant. Dieses wurde in der Studie nur insoweit berücksichtigt, indem eine stromlinienförmige Bebauung in das Rechenmodell eingestellt wurde. Die Wettbewerbsergebnisse zeigen, dass diese unattraktive Zeilenbauweise unrealistisch ist. Das so genannte Lilienthalquartier riegelt die Kaltluft, die im Modell noch durchs Columbiaquartier strömt, nach Norden ab. In den weiteren Planungsphasen ist durch fehlende Vorgaben zu erwarten, dass auch schon dass Columbiaquartier den Kaltluftstrom blockiert.

Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist daher unzureichend, die geplanten Bebauungen gefährden die Anbindung des Tempelhofer Feldes als stadtklimatisch bedeutsamer Grünraum an umgebende Wohnquartiere.

In der Studie der Senatsverwaltung zu den Folgen des Klimawandels für Berlin wird darauf hingewiesen, dass „.. das so genannte Urban Heat-Phänomen positiv beeinflusst wird durch die Entstehung von Kaltluft und durch eine entsprechende Durchlüftung der Stadt. Die Vernetzung von Grün- und Freiflächen untereinander spielt hierbei eine wesentliche Rolle“ (Presseerklärung vom 1.4.09) Man sollte also nach diesen Erkenntnissen der Senatsverwaltung doch vorhandene verbundene Freiflächen, Naturlandschaften nicht durch Neubebauungen „verriegeln“.

Das Columbiaquartier ist sowohl aus ökologischer wie aus städtebaulicher Sicht (Berlin ist mit erschlossenen Baugebieten gut versorgt) überflüssig. Vielmehr muss die grüne Brücke zwischen Tempelhofer Feld, Hasenheide, Friedhöfe und Kleingartenanlage bewahrt werden. Für den Anstieg des Individualverkehrs wird keine Lösung angeboten. Entlastungsstraßen auf dem Flughafengelände verbieten sich aus landschaftsökologischen Gründen. Der Individualverkehr ist durch die vorhandenen Straßen, insbesondere den Tempelhofer Damm, den Columbiadamm die Lilienthalstraße und die Herrmannstraße nicht aufzunehmen. Sinnvoller wäre dagegen ein Ausbau der südlichen Lilienthalstraße als Naturpfad mit Radweg, der die vorhandene Infrastruktur der Parkanlagen und Sportstätten verbindet und neue Erholungsangebote eröffnet. Das nun ungenutzte Regenbecken könnte für neue Freizeitangebote genutzt werden.

Das so genannte Lilienthalquartier –sprich unsere Kolonie am Flughafen e.V. – ist offensichtlich in das Planverfahren aufgenommen worden, um das Columbiaquartier an vorhandene Bebauung anzubinden. Wenn das Columbiaquartier ohne bauliche Anbindung an vorhan­dene Stadtquartiere eine isolierte Insellage ergibt, sollte man es komplett zur Disposition stellen, anstatt mit einer Anbindung vorhandene Grünstrukturen zu zerschneiden und eine gewachsenen Kolonie zu zerstören. Für eine Wohnnutzung ist das Kleingartengelände denkbar ungeeignet, die Wohnqualität in Mitten von Fußballfeldern und Tennisplätzen wäre sehr fragwürdig.

Im Übrigen bedarf die Südsternbebauung (incl. Lilienthalstr.) keine Fortführung nach Süden, der Übergang der Bebauung in Friedhofanlage, Spiel- und Sportstätten in Zusammenhang mit der Kleingartenkolonie hat eine besondere Qualität, die man belassen muss.

Das Landschaftsprogramm geht von schutzwürdigen Gebieten auf dem Flughafenfeld aus und weist u.a. auf den besonderen Schutz aller heimischen Vogelarten hin. Die Kleingartenanlage ist Bestandteil dieser Lebensreviere, zusätzlich zu der Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren, die sich fast spiegelbildlich auf dem Gebiet der Kleingartenanlage niedergelassen haben. Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist auch deshalb unzureichend, da die Artenvielfalt in der Kleingartenkolonie nicht untersucht wurde.

Die Kolonie ist z. Zt. dabei, eine Bestandserhebung der Artenvielfalt in der Kleingartenanlage zusammenzustellen. Eine erste Aufstellung ist als Anlage dieser Stellungnahme beigefügt und wird als Unterlage für weitere Gespräche dienen.

Das Regenwasserauffangbecken auf dem Gebiet der Kleingartenanlage soll in seiner Funktion für das Tempelhofer Feld erhalten bleiben und kann in Zusammenarbeit mit den Kleingärtnern zusätzlichen Nutzungen zugeführt werden (Öffnung für die Öffentlichkeit, gemeinsame Projekte mit öffentlichen und freien Trägern im Bildungsbe­reich usw.). Die Neuorientierung auf dem Tempelhofer Feld inkl. des Regenwasser-Rückhaltebeckens bietet die Chance, Spiel- und Bewegungsflächen für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Eine sinnvolle Nutzung darf durch den Flächennutzungsplan nicht verhindert werden.

Die Kleingartenanlage bedeutet für uns, dem Verein wie jedem einzelnen Pächter sehr viel:

  • geschützte Spielmöglichkeiten für unsere Kinder/Enkelkinder
  • Kinder / Enkelkinder lernen Flora und Fauna kennen
  • Kinder / Enkelkinder können sich in ihrem Bewegungsdrang entfalten
  • Kinder / Enkelkinder lernen Obst und Gemüse anzupflanzen und zu ernten, und lernen damit viel über den Umgang mit Lebensmitteln
  • Unsere Kinder oder Enkelkinder sind hier gut und gefahrlos aufgehoben
  • Die Gartenarbeit ist ein Gegengewicht gegen einseitige Büroarbeit
  • Erholung und frische Luft nach dem Arbeitsalltag
  • Der Garten ist eine Erholungsinsel mitten in der Stadt
  • Der Garten ist eine Urlaubsoase, auch wenn man kein Geld für Reisen hat
  • Die Arbeit im Garten entspannt mich und hält mich gesund
  • Gegenüber der lauten Mietwohnung kann man im Garten richtig abschalten
  • Der Garten bietet die Möglichkeit, sich trotz hektischer Stadt und vieler Menschen zurückzuziehen
  • Der Garten bietet die Möglichkeit Privatheit im Freien zu haben
  • Der Garten ist eine große Bereicherung des Wohnwertes in der Stadt
  • Der Garten ist ein Paradies mitten in der Stadt, ein Refugium
  • Gegenüber der kleinen Mietwohnung und dem beengten Arbeitsplatz bietet der Garten 200 qm Freiraum, Erde, Natur
  • Wir können Gäste in unseren Garten einladen, Freunde treffen
  • Die Familie kommt am Wochenende regelmäßig zusammen, die Enkelkinder und Kinder. Es ist ein sozialer Treffpunkt für die Familie
  • Der Garten wurde über Generationen weitergegeben und bildet einen Teil der Familiengeschichte
  • Eine einmalige Gelegenheit auch für nicht so gut verdienende Leute, einen Garten gleich vor der Haustür zu haben
  • Der Garten liegt so nah, dass es sich lohnt, auch für einen kurzen Moment dort hin zu gehen
  • Der Garten baut Aggressionen ab, weil man die Freude an der ruhigen Natur erleben kann
  • Wir schätzen die Polizei als Nachbarn. Wir fühlen uns sicher und aufgehoben
  • Der Garten hat den Vorteil, dass wir mehr Besuch empfangen können und dadurch mehr soziale Kontakte und Freunde haben, als es unsere Wohnung zulässt
  • Der Garten ist unser Balkonersatz
  • Der Garten ist unsere Heimat und häufig Lebensmittelpunkt
  • Die soziale Komponente, sich gegenseitig helfen, miteinander sprechen, feiern, ist sehr wichtig
  • Kleingartenanlagen stiften Gemeinschaft, Lebenssinn und vermitteln soziale Regeln
  • Wir sind begeistert von der Vielfalt der Vogelwelt in unserer Laubenkolonie
  • Im Garten stecken viel Liebe und Arbeit, materielle und ideelle Investitionen, die man nicht ersetzen kann
  • Mit einem Kleingarten kann man nicht umziehen, wenn man gekündigt wird. Man kann seinen Rasen nicht einrollen und wo anders wieder ausrollen, der finanzielle Verlust ist so hoch, dass wir uns keinen neuen Garten leisten können
  • Wenn einem der Garten weggenommen wird, findet man hier keinen Ersatz
  • Als Rentner genießen wir die Aufgabe unseren Garten zu pflegen

DESHALB WOLLEN WIR DIE GARTENANLAGE AUF KEINEN FALL VERLIEREN!

Die von der Senatsverwaltung vorgesehene Frist von vier Wochen für Stellungnahmen und Einwände ist lächerlich gering für eine ernst gemeinte Bürgerbeteiligung. Was über Monate, wahrscheinlich Jahre in der Fachverwaltung bereits vorbereitet, in deren Interesse untersucht und zugrunde gelegt wurde,(auf das zurückgegriffen werden konnte), kann von den Bürgern innerhalb von vier Wochen nicht auf seine Richtigkeit hin gegengelesen werden. Uns stehen nicht die Fachpotentiale und finanziellen Mittel zur Verfügung, die dafür benötigt werden. Wir können hier nur die Korrekturen anmahnen und einfordern.